Meine Geschichte im Detail


anfänge


Meine Geschichte hat in Erzählungen meistens 1995 begonnen – als ich mit 13 Jahren meine erste richtige Diät gemacht habe und damit einen langen Kreislauf in Gang gesetzt habe. Es hat aber schon früher begonnen – mit „lustigen“ Bemerkungen, dass ich schon mit 10 Jahren eine ganze Pizza und einen Eisbecher essen konnte, der Beobachtung, kein "zartes" Mädchen zu sein, sondern ein "kerniges". Und dem für mich tiefsten: schon früh das Gefühl zu haben, nirgends so richtig dazu zu gehören! Ein Grundgefühl in mir, falsch, unpassend und irgendwie anders (schlechter) zu sein. 

 

Meine körperliche Entwicklung war meiner emotionalen Entwicklung meilenweit voraus. Schon mit 10 Jahren meine Regel zu bekommen, mit 11 einen BH zu brauchen, mit 12 dem Markendruck und dem cool-sein in der Schule ausgesetzt zu sein, während alles in mir Kind war, das war viel. In der Schule wurde ich lange Zeit ausgegrenzt, an den meisten Schultagen wurden Grunzgeräusche gemacht, wenn ich in die Klasse gekommen oder vorbeigegangen bin, mir wurde gesagt, wie hässlich und eigenartig ich sei, und ich hatte auch da das Gefühl, dass es keinen Menschen gab, der auch nur im Ansatz verstanden hätte, wie es in mir ausgeschaut hat. Eine hochsensible Seele, die ihren Platz nicht findet.


essstörung - bulimie


Meine Essstörung hat eigentlich direkt mit der ersten Diät begonnen, denn dieses Gefühl des Abnehmens, der Macht, der Kontrolle, war Nahrung für meine geschundene Seele. Es gab etwas in dem ich gut war, für das ich Komplimente und Anerkennung bekommen habe, die Ausgrenzung war weniger, wenn ich weniger war. Damals haben sich keine guten Synapsen gebildet.

 

Eine Zeitlang hatte die Disziplin die Oberhand, ich habe ab- und abgenommen, mein Nervenkostüm wurde immer dünner, der Sport immer mehr und das Essen immer weniger. Mein Körper ist stark und hat sich bereits nach einigen Monaten mit Essanfällen sein Überleben sichern wollen. Daraus wurde Bulimie, die für mich perfekt wirkende Lösung, denn ich konnte essen was ich wollte und dennoch nicht zunehmen oder zumindest eine bestimmte Figur halten. Es war mehr als das: es war mein Umgang mit dem vielen Stress, den ich innerlich gefühlt habe, mein Mittel gegen die Ohnmacht die ich in der Schule gefühlt habe und irgendwie hat es auch meine Wertlosigkeit bestätigt. Wenn ich heulend neben der Kloschüssel gekauert habe, hat es sich angefühlt, als würde ich genau dort hingehören.

 

20 Jahre hat mich die Bulimie begleitet – mal intensiver, mal weniger intensiv, mal mit extremen Diät- und Sportphasen, mal mit mehr Gewicht, mal mit sehr wenig. Daneben ein turbulentes Leben – mit Beziehungen, Freundschaften, exzessivem Fortgehen, vielen Umzügen und einigen Jobs (die meisten im Bankenbereich). Von außen betrachtet habe ich glücklich gewirkt, es war wie eine zweite Person, die für die Außenwelt gemacht war. Innerlich hat es anders ausgesehen: ich habe mich in den Beziehungen, die ich eingegangen bin, nie wirklich angekommen gefühlt, konnte mich in Freundschaften nicht abgrenzen, habe getrunken um Abende zu überstehen, an denen ich lieber zuhause gewesen wäre – ich bin aus Angst nicht früher gegangen, Angst, dass ich langweilig wirken könnte oder dass sich die Möglichkeit öffnet, schlecht über mich zu reden, wenn ich nicht da bin. Ich habe mich falsch gefühlt.


heilung


Viele Therapien, Programme, Seminare, Bücher, Mentorings, Körperarbeit und unzählige weitere Dinge (gedankt sei meiner Sturheit) später haben sich die Dinge Schritt für Schritt verändert. Eine meiner meistgestellten Fragen war: warum tut sich nichts, ich tu doch so viel. Nun weiß ich, es hat sich gelohnt, es hat sich was getan, und manches hat 10 Jahre gebraucht um in mir zu erblühen – unterschätze nie den Zeitfaktor von inneren Prozessen! Viele Fortschritte habe ich auch erst im Nachhinein sehen können. 


körper, zyklus & weiblichkeit


Einer der größten Schritt den ich zu und in meinen Körper gemacht habe, war über Zykluswissen! Einerseits über die körperlichen Vorgänge, aber vor allem mit den Energien, die damit einhergehen. Es hat mir bewusst gemacht, dass ich gar nicht jeden Tag gleich sein kann, mir geholfen, meine Stimmungen zu verstehen und mir auch Stolz, ein zyklisches Wesen mit so viel Potential zu sein, gebracht. Damit verbunden war dann auch die Entdeckung und Erweckung meiner femininen Energien, die Auseinandersetzung mit Weiblichkeit, was alles zusammen zu einem tiefen Ankommen in meinem Körper geführt hat und dazu, dass ich mein Leben völlig anders ausgerichtet habe - in allen Bereichen (Arbeit, Sexualität, Bewegung, Zeitplanung, Outfits, Beziehungen...).

 

Auch habe ich mich viel mit Schönheitsidealen beschäftigt und mir einen Weg gesucht, mich wirklich schön zu fühlen, unabhängig von meiner Kleidergröße, meiner Nase oder meinem Hintern und die nur von innen aus mir heraus kommt. Strahlen, Leuchten, innere Stärke, Zufriedenheit und jeden Zentimeter meines Körpers auszufüllen!

 

Weg von "so hat mein Körper auszusehen, um zu gefallen" zu "was brauche ich, um mich gut und wohl zu fühlen"!

 

Und, zu guter Letzt, meine Erkenntnis, was meine Liebe und Lust am Essen eigentlich aussagt bzw. bedeutet. Dass ich zutiefst lustvoll bin und dass ich das über meine Freude am Leben, meinen körperlichen Ausdruck, meine Freude und Begeisterung am Essen und meine Lebendigkeit zeigen darf! 


erkenntnisse & innere schritte


Der längste und tiefste Transformationsprozess, den ich in Worte fassen kann, war das Grundgefühl in mir zu verändern. Startend mit "ich bin nie gut genug" zu "ich bin richtig" und von dort zu "ich bin sicher und ich bin happy, ich zu sein". Das hat sich über viele Gespräche, Aufstellungen und auch energetische Arbeit verändert und ich bin zutiefst dankbar dafür, dass ich an diesen Punkt kommen durfte!


Da mir auch immer sehr wichtig war, was andere Menschen sich von mir denken könnten, freut es mich, eine liebevolle "Pfeif drauf" Haltung entwickelt zu haben, in der es nicht wichtig ist, was andere zu der Gestaltung meines Lebens, meinem Outfit oder meinen Ansichten sagen oder denken könnten. Und ganz ehrlich: eigentlich ist es meist ein herumraten, was sich jemand denken könnte und selten eine ausgesprochene Realität. Viele Menschen genießen es, dass ich so sehr ich bin, weil es ihnen den Raum gibt, auch ganz sie selbst zu sein! Mit dieser Pfeif drauf Haltung einhergehend habe ich mich auch damit beschäftigt, wie ich glaubte, als Frau sein "zu müssen" und wie eine Beziehung sowie Sexualität sein "muss". Das hat mir Welten eröffnet und sehr viel Entspannung und viel weniger nachdenken in mein Leben gebracht. 


Zusätzlich habe ich ordentlich entstresst: ich brauche Frei(Räume) für meine Kreativität und um Impulsen nachgehen zu können. Ich möchte Zeit haben - mit Menschen, egal ob privat oder beruflich, in der Natur und für mich selbst. Ich will spüren, erleben und voll da sein!


wie mein leben jetzt ist


Andrea Haberl, Coachin für Körperliebe und Körpersicherheit, erzählt ihre persönliche Geschichte mit Bulimie und dem Gefühl, nicht richtig zu sein

2016 hat sich die Bulimie in natürlicher Weise verabschiedet, 2 weitere Jahre habe ich damit zugebracht, mich mit Schönheitsidealen zu beschäftigen und auch Diäten endgültig den Rücken zu kehren. Ich habe mich viel mit meinem Körper, mit meinem Zyklus und mit einer Verbindung zu meinem Körper auseinandergesetzt.

 

Heute (2022) kann ich kaum fassen, wie mein Leben ist. Gleich vorweg: es ist kein Leben auf der Überholspur, in dem alles immer nur toll ist. Es ist ein Leben, in dem ich innerlich zufrieden bin.

 

Ich esse richtig gerne und sehe das als Ausdruck von purer Lebenslust. Ich mache die Bewegung, die mir wirklich Spaß macht, das heißt in meinem Fall Jumping-Workouts, Yoga und viel zu Fuß gehen und Radfahren. Ich liebe es unter Menschen zu sein, viel zu unternehmen und gleichzeitig brauche ich viel Zeit alleine – lesend, liegend, gehend, singend. Ich habe Menschen um mich, die meine NEIN´s akzeptieren, bei denen ich ich selbst sein kann. Die meisten würden mich als extrem strahlend bezeichnen, doch auch die andere Seite ist bei mir stark ausgeprägt – Traurigkeit, Schmerz darüber wie die Welt ist, Wut, das Bedürfnis alleine in die Tiefe zu gehen. Was ich damit tue? Ich gehe damit um, ich habe gelernt mich selbst zu halten und ich kenne den Punkt, an dem ich Unterstützung von außen brauche und habe kein Problem damit, mir diese zu holen oder darum zu bitten. 


Andrea Haberl, Coachin für Körperliebe und Körpersicherheit, erzählt von ihrem Leben nach der Bulimie und was sich alles verändert hat

Ich schäme mich nicht mehr für mich, weder für meinen Körper noch dafür, wie und wer ich bin. Manchmal fühle ich mich wie ein Widerspruch in sich :-)Doch die meiste Zeit ist da tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit, mich berührt viel, ich bin offen, ich gebe viel, ich fühle mich tief in mir endlich richtig. Ich fühle mich schöner und stabiler als jemals zuvor und ich habe das starke Bedürfnis, in der Tiefe mit Menschen zu arbeiten. Ich habe Ausbildungen als Cranio Sacral Therapeutin und als Lebens- und Sozialberaterin gemacht und meine Arbeit im Bankenbereich beendet. Ich habe mich in den Begriff des „slow living“ verliebt – mir ist wichtig, meine Arbeit ohne Zeitstress mit Warmherzigkeit tun zu können, dementsprechend vergebe ich auch Termine. Ich nehme mir genug Zeit, um mich aufzufüllen und zu umsorgen, um spazieren oder schwimmen gehen zu können, Zeit zum lesen und Zeit für meinen Partner, meine Freunde und meine Familie zu haben. Es ist ein schönes Leben, ich weiß was ich brauche, was ich will und ich kenne meine Werte.


Ich bin gespannt und freue mich auf alles, was da noch kommen mag!